Der Witcher ist ein Phänomen. Man kann viele Kritikpunkte an ihm anbringen: Die langen Ladezeiten. Ein etwas umständliches Inventar. Bedenkliche Frauendarstellungen. Eine ganze Reihe an Bedienschwächen. Ein vorgegebener Spielercharakter. Und vieles mehr. Letztendlich spielt dies aber keine Rolle. Denn: The Witcher ist eines der besten RPGs der Moderne, vergleichbar nur mit den Legenden "Baldur's Gate 2" und "Planescape: Torment". Wo andere Titel in den letzten Jahren zu stark auf Äußerlichkeiten setzten, vernachlässigt The Witcher nicht die inneren Werte. Ergebnis ist ein Spiel, an dem sich zukünftige Rollenspiele messen lassen müssen.

Beginnen wir am Anfang. In The Witcher nimmt der Spieler die Rolle des Hexers Geralt von Riva ein. Hexer sind in der Spielwelt Monsterjäger, die durch Mutationen zu übermenschlichen Kräften gelangt sind. Und deswegen von der Bevölkerung alles andere als gern gesehen werden, als notwendiges Übel.
Zu Beginn des Spiels fühlt sich Geralt gejagt, vom Tod selbst, denn er ist vor einigen Jahren verstorben. Zurück in der Welt der Lebenden hat er sein Gedächtnis verloren. In der Nähe einer Festung finden ihn die anderen verbliebenen Hexer und bringen ihn in Sicherheit. Bis auch diese Festung angegriffen wird. Und damit beginnt eine Geschichte, die zu den besten des Genres gehört.
Weshalb? Weil es mehrere Geschichten sind, die ineinander verwoben sind. Einerseits ist der Angriff auf die Hexerfestung aufzuklären. Ebenso schwelt im Land der Konflikt zwischen Menschen und "Anderslingen" wie Elfen und Zwerge, in welchem Geralt zwischen die Fronten gerät. Auch sucht Geralt nach seiner Identität. Damit verbunden die Frage, weshalb er überhaupt ins Leben zurückgekehrt ist.
Wie sich die Geschichten entwickeln, bestimmt der Spieler mit. Dies ist eine weitere Stärke des Witchers: Entscheidungen haben Konsequenzen, können den Verlauf der ganzen Handlung verändern. Auch wenn das Hauptziel, den Angriff auf die Hexerfestung aufzuklären, unverrückbar bleibt - der Weg dahin kann gänzlich anders aussehen. Manche Entscheidungen haben nur kleine Konsequenzen; beispielsweise ob man noch im Prolog den Angreifern im Labor nachsetzt oder den Festungshof verteidigt. Andere haben weitaus drastischere Konsequenzen.
Konsequenzen, die zwar meist erahnt, nicht aber immer abzusehen sind. Es gibt im Witcher kein klassisches Gut-und-Böse-Schema. Oft steht Geralt vor der Wahl von dem geringeren Übel. Manche Charaktere versuchen, Geralt auszunutzen. Und es kommt vor, daß einem die eigenen Entscheidungen später in den Allerwertesten beißen. Beispiele dafür? Naturgemäß macht es bei einem Spiel wie den Witcher einen erheblichen Teil des Spielspaßes aus, selbst die Geschichte zu erleben. Deswegen möchte ich im Rahmen dieses Reviews nicht zuviel verraten. Nehmen wir also nur einmal die Situation aus dem Prolog: Eindringlinge rauben das Labor aus, während zugleich ein riesiges Ungeheuer den Burghof stürmt. Man kann sich entscheiden, gegen welche der beiden Bedrohungen man selbst vorgeht - die andere übernehmen die restlichen Hexer. Nicht nur, daß diese anders reagieren werden - die Zusammensetzung der Banditen wird diese Entscheidung beeinflussen. Gelingt der Angriff, ist man den Drahtziehern fortan lange Zeit einen Schritt hinterher.
Kommen wir nach diesem Ausflug zurück zur Geschichte. Die Hauptgeschichte ist, den Angriff auf die Hexerfeste aufzuklären. Und in diesem Rahmen die Verantwortlichen auszuräuchern. Dabei greift der Witcher auf unterschiedlichste Erzählelemente zurück. So besteht ein Kapitel zu einem Großteil aus Detektivarbeit. Wie es beim Witcher üblich ist, kann dort der Spieler auch am Ende ziemlich daneben liegen, wenn er nicht aufmerksam ist.
Ebenfalls eine willkommene Abwechslung des Witchers: Aufmerksamkeit und Mitdenken wird belohnt. Es finden sich immer wieder diverse Situationen im Spiel, in denen aktiver Einsatz von Hirnschmalz deutlich positive Auswirkungen auf das Spiel hat. Es wird einem nicht alles vorgekaut wie in manchen anderen Titeln. Nichtsdestotrotz läßt sich der Witcher auch für nicht ganz so achtsame Spieler problemlos beenden. Nur die aus Unachtsamkeit gefällten Entscheidungen könnten den Spieler später in den Allerwertesten beißen.
Nicht auf dem Präsentierteller werden auch alle Zusammenhänge der Geschichte präsentiert. Am Ende macht alles Sinn - auch wenn die Geschichte in Sachen Innovation nicht an Planescape: Torment heranreicht, so ist sie doch meisterhaft erzählt. Vieles sind dabei Puzzlestücke, die zum großer Bild beitragen. Am Ende können alle der vielen Vorfälle im Laufe des Spiels durch die Geschichte beantwortet werden. Der Nachteil des Puzzleansatzes ist jedoch, daß der Witcher bei Unaufmerksamkeit oder zu kleinen Portionen Verwirrung auslösen kann.
Die meiste Zeit über zeichnet der Witcher eine düstere, grimmige Welt. Bettler sitzen auf den Straßen. Alte Frauen fragen sich murmelnd, wo sie begraben werden. Den Anderslingen wird offen rassistisch begegnet - so spielen Kinder gerne "Töte den Elf!". Welche wiederum mit zweifelhaften Methoden reagieren. Oh, und da Geralt selbst ein Mutant ist, ist sein Ruf bei beiden Bevölkerungsarten zwielichtig. So gibt es auf beiden Seiten Leute, die ihn auf ihre Seite ziehen wollen, während andere ihn verachten. The Witcher ist kein fröhliches Spiel. Es gibt Momente der Idylle, sehr schöne sogar, generell ist die Atmosphäre jedoch sehr dunkel.

Aber die Atmosphäre ist eine weitere der Stärken. Kaum ein anderer Titel kann diesbezüglich mit dem Witcher mithalten. Sind es die NPCs, die neben teildynamischen Tagesabläufen sogar auf herumstreunende Hunde oder das Wetter reagieren? Die Musik, welche jeden Ort von der Tageszeit abhängig (!) individuell und sehr einprägsam untermalt? Die Dialoge und Zwischensequenzen? Der individuelle Charm und die Echtheit eines jeden Ortes? Die in sich stimmige Welt, welche auf den Werken des polnischen Erfolgsautors A. Sapkowski beruht und sich damit erfreulich von der Standardfantasykost unterscheidet? Die mit viel Detailliebe gestalteten Gegenden, vom heruntergekommenem Armenviertel bis hin zur verwilderten Klosterwiese? Die vielen einprägsamen Charaktere, welche man im Laufe des Spiels trifft - von denen auch viele Geralt große Teile des Spiels hindurch begleiten.
Das ist schwer zu sagen. Aus dem Witcher tropft die Atmosphäre geradezu heraus - mehr als aus allen anderen Rollenspiele der letzten Jahre zusammen.
Natürlich muß an dieser Stelle die Übersetzung angesprochen werden. Egal ob man sich das Spiel in deutscher oder englischer Sprache installiert, man spielt nicht die Originalversion. Dies ist leider an so manchen Stellen spürbar. So fehlen in der englischen Version bei fast allen Fragen (Hilf-)verben, während in der deutschen Version kleine Kinder wie Jugendliche im Stimmbruch klingen. Generell sind die Stimmen in der englischen Version markanter und passender, während es in deutschen Version weniger grammatische Ausfälle gibt. Voll vertont und mit Untertitel versehen sind beide.
Trotz der Macken sind die Übersetzungen nicht schlecht - sie sind beide im guten Bereich (kein Vergleich zur verkorksten deutschen Oblivionversion), reichen aber leider nicht an die sonstige Qualität des Spiels heran.
In Sachen Steuerung begibt sich The Witcher ebenfalls in neue Gebiete. Letztendlich reicht es, Gegner anzuklicken, ja. Aber das setzt richtiges Timing voraus, um besonders wirksame Angriffskombinationen auszulösen. Das mag entfernt an den völligen Reinfall in Gothic 3 klingen, ist aber zum Glück gänzlich anders. Dauerklicken funktioniert eben nicht. Weiterhin ist das nötige Timing von Waffe zu Waffe und von Kampfstil zu Kampfstil verschieden - ändert sich gar, wenn man im Stil besser wird. Und schließlich gibt es eine Menge taktischer Optionen. Das reicht von Zauberzeichen, die z.B. Gegner wegstoßen, über besonders kräftige Spezialangriffe, Gifte, Bomben, oder Zeitlupenelixiere. Und man muß sich auf Gegner einstellen - so sind viele Monster gegen Stahlschwerter resistent, aber durch Silber verletzlich. Agile Widersacher weichen dem starken Kampfstil behende aus, ohne Schaden zu nehmen. Große Gegnergruppen machen es teils unmöglich, slebst im schnellen Kampfstil zuzuschlagen - aber sowohl diverse Zauber als auch der Gruppenstil kann in solchen Situationen helfen.
Sicherlich ist die Steuerung nicht die unbestreitbare Stärke des Witchers, aber sie ist auch keine Schwäche.
Ein Aspekt, den der Witcher aus betont, ist die Bedeutung von Wissen. Um Waffenöle mischen zu können, braucht man erst ein Talent. Und man muß Pflanzen ernten können. Ohne je über die Kräuter und ausnehmbaren Tiere gehört zu haben, kommt man aber nicht an die Zutaten. Das gesamte Alchemiesystem ist sicher einer der Stärken - selten war es so überzeugend und gelungen umgesetzt.

Hat der Witcher auch Schattenseiten? Nun, man könnte die düstere Atmosphäre aufführen. Oftmals vor die Wahl zwischen den geringeren Übeln gestellt werden. Atmosphärische Schattenseiten eben.
Leider hat der Witcher aber auch reale Probleme. Diese reichen von exorbitanten Ladezeiten, welche beim Betreten und Verlassen jeden Hauses anfangen, über Perfomanceprobleme in manchen Bereichen mit einer extremen Vielzahl an NPCs, bis hin zu einem diskussionswürdigen Frauenbild. Die Ladezeiten wurden mittlerweile per Patch auf ein erträgliches Maß zurechtgestutzt. Die Perfomance verbessert. Zu den Frauen? Nun, egal wo Geralt sich gerade befindet, quasi immer findet sich eine Dame, die mit ihm das Nachtlager teilen möchte. Manchmal auch erst gegen kleine Gefälligkeiten wie einem Strauß Blumen. Dieser Teil des Spiels ist immerhin optional.

Die Frage ist, inwieweit dies den Spielspaß beeinträchtigt. Hart an der Grenze sind (bzw. waren) die Ladezeiten. Der Rest kann durchaus ab und an ein Kopfschütteln auslösen. Letztendlich schmälern sie aber nicht die Qualitäten des Witchers. Der Witcher ist so gut, daß man selbst die Ladezeiten akzeptiert. Nur sehr wenige Spiele schaffen dies. In dem Sinne:
Wertung: Legende (5 von 5)
Potential: Legende (5 von 5)
geschrieben von bg2408