Rückkehr in die Einöde
Vor nunmehr deutlich über zehn Jahren erschien der erste Teil der Fallout-Reihe, damals noch von Black Isles (unter anderem bekannt für Baldur's Gate), in isometrischer Ansicht und mit rundenbasierten Kämpfen. Dann, ebenfalls schon vor mehr als zehn Jahren, erschien Teil 2, ebenfalls von Black Isles. Ab da wurde es turbulent um die Fallout-Reihe. Von anderen Entwicklern folgte unter anderem ein Taktikspiel, das im Fahrtwasser von Commandos reiten wollte. Und ein Konsolenableger, dessen Kürzel (BOS) Fans der Serie liebevoll in "POS" umgewandelt haben - Slangabkürzung für "Piece of Shit".
Irgendwann ging der Publisher pleite, verkaufte die Rechte an Fallout. Jene wurden von Bethesda gekauft, bisher überwiegend bekannt für die
Elder Scrolls-Reihe. Diese bringen uns nun den dritten Teil einer lange für Tod geglaubten Serie. Offiziell zumindest.
Was hat es mit der Fallout-Reihe auf sich? Zweierlei. Einerseits spielt die Reihe in einem alternativen Universum, in dem die Kultur der 50er-Jahre fortlebte und es 2077 zu einem Atomkrieg kam - danach war die Erde verwüstet, und wer (z.B. in unterirdischen Bunkeranlagen überlebte) mußte fortan in einer ganz anderen Welt überleben. Dabei immer in der Gedankenwelt der 50er - so gibt es zwar Haushaltsroboter, aber keine vernünftigen PCs.
Andererseits gehörte zu Fallout einst das rundenbasierte Kampfsystem und die isometrische Ansicht. Nun, Bethesda hat unzweifelhaft versucht, den Hintergründen treu zu bleiben - statt isometrischer Rundenschlachten gibt es nun aber Egoansicht und Echtzeitgefechte.

Letztendlich nicht die schlechteste Entscheidung. Denn das Kampfsystem war sicherlich die größte Schwäche der Vorgänger. Nicht, weil es rundenbasiert war - sondern weil es ein schlechtes und langweiliges rundenbasiertes System war. Die
Jagged Alliance-Reihe z.B. zeigte, wie ein rundenbasiertes Kampfsystem gut funktioniert. Fallout bislang? Eher das Gegenteil.
The Good,
Fallout 3 ist ein ziemlich ... sagen wir vielschichtiger Titel. Bevor also die nicht so schönen Bereiche angesprochen werden, möchte ich erstmal aufführen, was gelungen ist. Da muß man sagen, Bethesda hat sich schon weiterentwickelt. Anders als die Vorgänger spielt Fallout 3 in einer sehr kleinen, dichten Gegend - Washington DC, besser gesagt die Ruinen der Stadt.

Zerstörte Gebäude und Straßenzügen, ebenso aus Trümmern aufgebaute neue Siedlungen bilden den Schauplatz des Spiels. Ebenso unterirdische Bereiche, wie Schutzbunker oder das alte U-Bahnnetz. Überall sind die Folgen des Atomkriegs zu sehen - und zu spüren. Das Wasser ist verstrahlt, so ziemlich jeder Essenshappen ist verstrahlt. Und, ganz im Sinne der Fünfziger, bevölkern die Welt nach dem Atomkrieg allerlei Mutanten, Räuberbanden terrorisieren die paar verbliebenen zivilisierten Menschen.
Sicherlich ungewöhnlich für Bethesda ist gerade die Atmosphäre die Stärke von Fallout. Ob man durch das zerstörte Washington streift, sich mit den wenigen freundlichen Leuten unterhält, oder beobachtet, wie eine Streife der "Brotherhood of Steel" in einen Hinterhalt von Räubern gerät - Fallout 3 schafft es, die postapokalyptische Stimmung einzufangen. Leider mit einem kleinen Schönheitsfehler, aber dazu später mehr.

Wo Bethesda sich ebenfalls deutlich gesteigert hat ist bei den Aufträgen. Vorbei sind die Zeiten des wirklich extremen Händchenhaltens aus Oblivion: Wer sich als Frischling in der Einöde mit verstrahlten Riesenameisen anlegen will, hat schnell die Lebenserwartung einer Eintagsfliege. Diverse Fähigkeiten des Charakters (wie z.B. Medizinkenntnisse) können in Gesprächen und bei Aufträgen eingesetzt werden. Zwar gibt es noch einen Questkompaß, der zeigte aber nur noch Ziele an, wenn das zumindest noch ein bißchen Sinn macht. Weiß z.B. der Auftraggeber nur, daß sich ein gesuchtes Dokument im Museum befindet, zeigt der Kompaß dahin - aber nicht mehr zum eigentlichen Schriftstück.
Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß Fallout 3 die Hand des Spielers immernoch ziemlich fest hält - aber bei weitem nicht mehr so stark wie in Bethesdas letztem Titel,
Oblivion. Dadurch wirkt die Welt schon viel echter, und es ist wirklich gefährlich, sich mit einem niedrigen Level in bestimmte Bereiche der Einöde zu wagen.
the bad,
Wie sollte es anders sein helfen natürlich auch nach einem Atomkrieg nicht alle mit, eine bessere Welt aufzubauen. "Raider" terrorisieren die Bevölkerung. Sklavenjäger spielen auch noch mit. Supermutanten ringen um die Vorherrschaft in Washington - kurz gesagt es muß geschossen werden. Oft und viel.
Dabei bietet Fallout 3 zwei Möglichkeiten: Entweder in Echtzeit, in der es überwiegend von den Spielerfähigkeiten und der Waffe abhängt, ob er trifft (z.B. sind Laserwaffen extrem genau, während Maschinengewehre Kugeln über die Entfernung oft sonstwohin pusten). Oder in "VATS", einer Art Pausemodus, die es erlaubt, gezielte Schüsse abzugeben. Dort spielen die Waffenfähigkeiten des Charakters eine sehr große Rolle. Und die Umgebung. Denn einen kleinen Nachteil hat VATS: Die Schüsse führt, nachdem man das Ziel bestimmt hat, der Charakter selbst aus. Mit der entsprechenden KI, die auch Gegner nutzen.

Heißt es kann schonmal leicht passieren, dass drei Salven in Folge an einem kleinen im Weg hängenden Stock abprallen, weil die KI Kleinhindernisse vollkommen ignoriert. Schlimmer noch wird es, sobald explosives Zeug eingesetzt wird - Granaten kullern dann gerne schonmal zurück. Oder die stärkste Waffe im Spiel, der "Fat Man", der Miniaturbomben verschießt, wird im Vats-Modus gerne mal zu niedrig abgefeuert. An sich nicht schlimm, wenn die Bombe dann zehn Meter vor dem Gegner aufschlägt. Was aber, wenn ein Zaun vor dem Spieler ist, über den normalerweise locker hinweggeschossen werden kann und müßte? Einmal gegrillter Spieler, bitte!
Allerdings kann auch der Spieler ziemlich böse sein. Im Spiel eingebaut ist ein "Karmameter", welches sogar wirklich "Karma" mißt. Gute Taten geben Karma, aber zum Beispiel Städte mit Atombomben in die Luft sprengen verringern es. Wie das Beispiel schon andeutet, kann man einige ziemlich finstre Pfade beschreiten. Auch andere beliebte Rollen wie Sklavenjäger oder Kannibale kann der Spieler annehmen.
Unnötig zu erwähnen, wie es entsprechend mit Gewaltdarstellung aussieht. Sie ist extrem hoch - spätestens wenn man einen kritischen Treffer landet, fliegen die Körperteile durch die Gegend. In Raiderlagern hängen zerstückelte Leichen an den Wänden. Und die Supermutanten nutzen sogar zersägte Menschen- und Tierleichen als Rammbockfallen.

Was letztendlich nicht nur für eine entsprechende Altersfreigabe sorgt, sondern auch übertrieben wirkt. Man kann das gut mit
The Witcher vergleichen, um den Unterschied zu sehen - wirkte dort das Setting erwachsen, und die dargestellte Gewalt als realistischer Teil des Spiels, ist sie im Vergleich in Fallout 3 beinahe schon komödienhaft überzeichnet. Leider ohne jede Selbstironie. Und mit einem gar zu typischen US-amerikanischen Doppelmoral, welche in den Vorgängern nicht zu finden war: Alles in Richtung Sexualität ist etwas, das anderen zustößt. Vorbei sind die Zeiten von daraus resultierenden unfreiwilligen Schrotflintenhochzeiten.
Questmäßig gibt es natürlich auch einiges zu tun, wenn man sich nicht entschließt, Städte in die Luft zu jagen: Die Aufträge drehen sich um das, was eben so in einer Einöde nach einem Atomkrieg anfällt. Das kann von "leichten" Problemen wie dem Reparieren leckender Wasserrohre bis hin zur Hilfe beim Schreiben eines Überlebenshandbuches reichen. Letzteres selbstverständlich mit Erfahrungen aus erster Hand.

Oft teilen sich dabei Aufträge in Pflichtteile und optionale Ziele auf. Im Falle des Überlebenshandbuches kann man z.B. einfach nur in einem verfallenen Supermarkt nach verbliebenen Lebensmitteln suchen, sondern auch nach etwaigen Medikamenten. Andere Aufträge bieten auch verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten für den Spieler - das fand sich zwar schon immer in der Fallout-Reihe, für Bethesdatitel ist es aber eine erfrischende Abwechslung.
and the ugly.
Kommen wir einmal kurz zurück auf die Lebensmittel im Supermarkt, welche man auch tatsächlich findet. Oder auf die überall herumstehenden toten Baumstämme. Wie viele Jahre nach dem großen Knall spielt Fallout 3? Zwanzig Jahre? Fünfzig? Nein. Zweihundert Jahre.
Genau das wird zu einem riesigen Problem des Spiels: Sofern man die Atmosphäre auf sich wirken läßt, ist es großartig. Aber sobald man anfängt, darüber nachzudenken, was man sieht oder was man tut, macht es plötzlich kaum noch Sinn. Von der Stimmung her wollte Bethesda zurück zum ersten Teil, der etwa fünfzig Jahre nach dem Krieg spielte - setzte es zeitlich aber noch einiges in der Zukunft nach Teil 2 ein, der seinerseits über 130 Jahre nach dem Krieg spielte.
Vieles was man sieht und erlebt macht zweihundert Jahre nach den Atombomben keinen Sinn. Das fängt bei den oben angesprochenen Begebenheiten an, geht weiter über Leute die reden, als hätten ihre Eltern noch das alte Amerika erlebt (es liegen etwa acht Generationen dazwischen), führt über immer noch funktionierende elektrische Anlagen in Ruinen, und endet bei den Autowracks auf den Straßen, die immernoch ihre Motoren haben und explodieren können.
In atomaren Miniaturexplosionen. Zudem steht immer noch so viel von Washington, dass es irgendwie den Eindruck erweckt, als wäre damals keine Atombombe(n) auf die Stadt gefallen, sondern es hätte lediglich einen Stau samt Verkehrsunfall gegeben hat, der eine Kettenreaktion auslöste. Die fallouttypische Leere nach einem Atomkrieg fehlt einfach.

Letztendlich sicherlich ein Fall von etwas, das man als Problem im Zusammenspiel zwischen Gameplay und Geschichte auffassen kann. Und das ist sicherlich der Aspekt, in dem Fallout massive Probleme hat. Nicht nur auf die Weltdarstellung beschränkt sich das: Verkrüppelte Gliedmaßen heilen, wenn man schläft. Die Miniaturbomben verursachen weniger Schaden, wenn die Abschußvorrichtung kaputt geht (wesentlich glaubwürdiger wäre es gewesen, wenn dann das Gerät ungenauer schießt - denn Bombe ist Bombe). Und das Ende? Sprechen wir nicht davon. Zu sagen dass es absolut keinen Sinn macht, ist noch untertrieben.
Fazit
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das Bethesda-Titel schon seit langer Zeit plagen: Inhalte sind nur bis Level 20 vorhanden. Nun gibt es in Fallout auch die Levelgrenze von 20, heißt höher kommt man nicht - bloß hat man zu dem Zeitpunkt vielleicht Einviertel der Welt gesehen. Danach neigt das Spiel leider dazu, sehr wiederholend zu werden.
Alles in allem kann guten Gewissens festgehalten werden, Fallout 3 in der Rohfassung ist spielerisch Bethesdas vorigem Titel -
Oblivion - überlegen. Aber - und das ist ein sehr großes Aber - was Fallout 3 besser macht, sind keine Revolutionen, sondern Dinge, die im Genre
eigentlich üblich sind. Vergleicht man Fallout 3 zum Beispiel mit
Neverwinter Nights 2, bleibt im Ergebnis ein Schulterzucken. In Sachen Dialoge und ähnlichen Bereichen hat Bethesda aufgeholt, was für zukünftige Titel ein sehr gutes Zeichen ist. Aber das macht aus Fallout 3 noch lange keinen
Witcher. Dafür fehlt einfach die Stimmigkeit und die Inhalte. Und auch ein gewisser Funken Genialität.

Ein Editor für Fallout 3 ist halboffiziell bestätigt. Damit werden sicherlich die Inhaltsdefizite und einige Stimmigkeitssprobleme behoben werden können. Fallout 3, so wie es derzeit ist, ist sicherlich ein gutes Spiel. Keine Legende. Leider ist das Sinnproblem auch so tief im Spiel verwurzelt, dass das wohl nie zufriedenstellend behoben werden kann.
Eine weitere Frage ist die, ob für das Spiel eine generelle Verkaufsempfehlung gegeben werden kann, oder ob sie eingeschränkt werden muß. Um es einmal so zu sagen: Fallout 3 tanzt an der Grenze. Es hat sehr viele sehr gute Ansätze, auch wenn diese nicht notwendigerweise neu sind. Die Atmosphäre ist genial. Im Spiel findet sich eine enorme Liebe zum Detail, auch Humor kommt alles andere als zu kurz.
Unglücklicherweise ebenfalls nicht die absolut übertriebenen Gewaltdarstellungen. Letztendlich bringen sie das Faß zum Überlaufen. In dem Sinne:
Verkaufsversion: Für Genrefreunde (3 von 5)
Potential: Empfehlenswert (4 von 5)