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DSA: Drakensang - Review
Vorbemerkung
Normalerweise spielen wir Spiele komplett durch, bevor wir ein Review schreiben. Nun ist Drakensang kein Kurzvergnügen a la Mass Effect oder Jade Empire, welches an einem Wochenende durchgespielt werden kann - und da wohl noch mindestens eine, vielleicht auch zwei Wochen gebraucht werden, hier ein Vorabtest für alle am Spiel interessierten. Sollte sich zum Ende hin noch etwas ändern, dann wird das selbstverständlich nachgetragen! Spielzeit zum Testzeitpunkt betrug etwa 35 Stunden.

Mittlerweise ist Drakensang erfolgreich beendet. An der Wertung ändert sich nichts - was aber vielleicht erwähnt werden sollte: Gegen Ende hin gibt es zwar noch eine richtig gute Quest (möglicherweise sogar die beste im Spiel), allerdings wird Drakensang zu dem Zeitpunkt auch sehr kampflastig. Gerade dabei trat ein Problem des Kampfsystems besonders zutage - es ist langsam. Langsam in Sinne von es gibt eigentlich keine Möglichkeit, große Massen einfacher Gegner schnell loszuwerden. Konnte man in Baldur's Gate 2 sich einer Horde Goblins per Feuerball schnell entledigen, so geht das in Drakensang nicht. Zwar gibt es Flächenangriffe, aber durch die lange Zauberdauer und strunzdumme KI schießt man sich dabei mehr selbst als den Gegner ab. Dadurch zieht sich das Ende des Spiels schon spürbar. Die letzten ~5 Spielstunden sind reiner Kampf, und das grenzt schon an einen Krampf. Gerade da sollte nachgebessert werden, irgendwie.


Das Schwarze Auge 4
Drakensang beruht auf einem Pen&Paper-Rollenspiel, anders als z.B. Neverwinter Nights oder Baldur's Gate aber nicht auf Dungeon & Dragons (D&D), sondern auf "Das Schwarze Auge" (DSA). Ein Unterschied, den man auf zwei Ebenen im Spiel merkt.

Einerseits ist die Welt sehr frisch und unverbraucht. Zugegebenermaßen es existieren noch einige andere PC-Adaptionen von DSA, aber jene liegen viele Jahre zurück, lange bevor Windows seinen Siegeszug angetreten hatte und DOS vorherherrschte (DOS = "Disc Operating System", ein Betriebssystem ohne graphische Oberfläche, für das die ersten Windowsversionen lediglich eine halbwegs komfortable Bedienung erlaubten. Lang, lang ists her).

Jedenfalls erlaubt es Drakensang eine Welt zu erkunden, die schon lange nicht mehr ihren Weg auf den PC fand. Und gerade die Darstellung dieser Welt ist eine absolute Stärke Drakensangs! Selten fand man so idyllische Dörfer, so finstre Wälder, so lebendige Städte, verbunden mit einem großen Abwechslungsreichtum - jeder Ort hat seinen eigenen Stil, wann immer man ein neues Gebiet betritt, sieht man etwas Neues. Das kann ein Hafen sein, in welchem Arbeiter Schiffe entladen und die Kisten zu den Lagerhallen schleppen, während andere über ihren Rücken ächzen und Pause machen, während Handwerker Waren an den Ständen der Händler einkaufen - sogar gewisse Damen gehen an Straßenrändern gewissen Geschäften nach, obschon deren Dienste (anders als im Witcher) nicht in Anspruch genommen werden können. Aber auch Wasserfälle im Wald, die von Nebel umspielt werden, fernab jeder Zivilisation. Oder auch eine Burg im Gebirge, an der schon der Zahn der Zeit nagte, und man überall Spuren von Verfall sieht. Dazu immer eine passende, unaufdringliche Musikuntermalung. Was immer man Drakensang vorwerfen will, die Gestaltung der Welt gehört mit zum Besten, was man bis heute in Rollenspielen findet.

Hinter den Kulissen, was das Regelwerk angeht, reicht DSA natürlich gut und gerne an D&D heran, geht zum Teil sogar darüber hinaus - ist aber ganz anders. Heißt für Rollenspielveteranen steht zuerst eine Umstellung an - samt Fragen, wofür das Attribut Mut denn da sei, was es mit Intuition auf sich hat, oder was sich hinter Fähigkeiten wie Etikette oder Wildnisleben verbirgt.

Der Kulturschock folgt kurz darauf: Das ganze Levelsystem in Drakensang funktioniert ganz anders. Normalerweise steigert man in vielen Rollenspielen immer die Fähigkeiten seines Helden, wenn man im Level steigt. Nicht so bei Drakensang - ähnlich wie in Dungeon Lords können Erfahrungspunkte sofort investiert werden. Level dienen lediglich dazu, die maximale Fähigkeitshöhe zu begrenzen. Selbst zusätzliches Leben muß (teuer) erkauft werden.

Allgemein ist das Regelsystem sehr kompliziert, so kompliziert, daß sich die Entwickler zu einem radikalen Schritt entschlossen haben: Statt eigene Charaktere zusammenbauen zu können, stehen 20 so genannte "Archetypen" zur Auswahl (unter anderem elfischer Waldläufer, Pirat, Amazone, orientalisch angehauchte Elementarmagier und viele mehr). Diese können dann noch ein wenig angepaßt werden, sind im Grunde aber fest vorgegeben. Genau hier wurde aber mit einer der größten Patzer des Spiels produziert: Vorgegebene Helden sind nicht per se schlecht, wie man am Witcher oder an Gothic 1 sieht, und immerhin bietet Drakensang ja sogar eine Auswahl an. Aber die wird konterkariert durch die absolute Gleichgültigkeit der Welt ihnen gegenüber: In Neverwinter Nights 2, das immerhin freie Charaktererschaffung erlaubte, reagierte die Welt auf den Spielercharakter, ab und zu zumindest, beispielsweise wenn der Spieler einen Magier spielte und einen anderen traf. In Drakensang hingegen wird nie auf Klasse, Rasse oder Geschlecht des Spielers eingegangen - was zum Beispiel dazu führt, daß ganz am Anfang eine Amazone dem Spieler erklärt, was denn eine Amazone ist, selbst wenn dieser selbst eine spielt. Oder magiefeindliche Inquisitoren unbeeindruckt davon sind, einen Schwarzmagier vor sich zu haben. Autsch.

Allerdings erlaubt das Charaktersystem immerhin einiges an Kombinationsmöglichkeiten, denn Archetypen hin oder her, mit genug Erfahrungspunkten kann so manches gelernt werden. Daher auch die hier im Review immer wieder auftauchende Elementaristin mit Zweihänder - das ist ebenso möglich wie Kugelblitze umherschleudernde Schurken. Natürlich mit Einschränkungen, so kann eine Amazone nie die Zauberei erlernen, und ein Heiler müßte Unmengen an Erfahrungspunkten opfern, um selbst die simpelsten Spezialangriffe lernen zu können.


Das Spiel an sich
Wie spielt sich Drakensang? Am ehesten drängen sich Vergleiche zu Neverwinter Nights 2 auf - mit Einschränkungen. Gesteuert wird grundsätzlich per Maus, die Tastatur kann hilfsweise hinzugenommen werden. Je nachdem wie man den Kamerawinkel einstellt gleicht die Sicht eher dem angesprochenen NWN2 oder Kotor, allerdings mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Die Steuerung in DSA ist die mit Abstand schlechteste. Warum? Weil sie sehr viel Einarbeitungszeit fordert, viele Features vermissen läßt (z.B. Bilddrehung, wenn mit dem Mauszeiger der Bildschirmrand berührt wird) und in keinster Weise verändert werden kann. Die Drehung (nur möglich mit gedrückter rechter Maustaste) ist auf deinem System zu schnell oder zu langsam? Pech gehabt! Allein aus dem Grund rate ich, vorher die Demo anzuspielen.

Mit bis zu vier Begleitern zieht man in Drakensang ins Abenteuer, die sich im Laufe des Spiels dem Spieler anschließen. Von der säbelschwingenden Amazone über einen depressiven Magier bis hin zum Wächter mit sehr bekannter Synchronstimme ist da so einiges bei. Leider bleiben die Begleiter im Vergleich zu NWN2 - und erst Recht im Vergleich zu Baldur's Gate 2 - verhältnismäßig blaß. Ab und zu kommentieren sie das Geschehen, Gespräche innerhalb der Party oder auch irgendeine Form eines Einflußsystems oder mehr als ein paar Standardgesprächsoptionen sucht man bei ihnen aber leider vergeblich. Zudem ist die Party nur bedingt steuerbar - anders ausgedrückt sie laufen dem aktuell ausgewählten Charakter immer hinterher, selbst wenn dieser sich gerade an Gegnern vorbeischleichen möchte. Allgemein ist die KI der Mitstreiter ein bißchen begrenzt, so setzen sie grundsätzlich nur ihren Standardangriff ein, nie Zauber oder Spezialangriffe - die muß der Spieler auslösen.

Der Kampf selbst ist zwar in Echtzeit, dahinter verbirgt sich aber (ähnlich wie in NWN2 oder Kotor) ein Rundensystem - heißt die Fähigkeiten des Charakters bestimmen, wie der Kampf ausgeht, nicht das Fingergeschick des Spielers. Allerdings kommt dort die Stärke von DSA zu tragen: Die Werte des Charakters haben wirklich Einfluß auf das Geschehen. Auch außerhalb von Kämpfen gilt, Attribute spielen eine große Rolle und geben nicht einfach nur geringe Boni oder Mali, die ein oder zwei Fähigkeitspunkten entsprechen wie in D&D.

Die Aufträge sind so ein Bereich für sich - hier bekleckert sich DSA nicht mit Ruhm, patzt aber auch nicht. Die meisten Aufträge sind Durchschnittskost, obschon es löbliche Ausnahmen gibt (z.B. die Infiltration eines feindlichen Viertels im Nebel, ohne gesehen zu werden). Ebenso gibt es leider auch das Gegenteil, ziemlich unfaire Kampfsituationen, in denen mehrere Wellen von Gegnern quasi aus dem Nichts kommen und abgewehrt werden müssen. Richtig innovative Aufträge, man denke da an die Gerichtsverhandlung (+ Untersuchung) in NWN2 oder die "Schatzsuchereiparty" in Oblivion sucht man leider vergeblich.

Die Dialoge sind ohnehin ein Problem von Drakensang. Nein, damit ist nicht die nur teilweise Vertonung gemeint, sondern die Auswahlmöglichkeiten auf Seiten des Spielers. Oft gibt es keine Wahl, oder nur das Oblivionsche "Ich machs jetzt" oder "Ich machs später", beziehungsweise "erzähl mir alles" versus "faß dich kurz!". Schlimm ist, daß es zwar viele gesellschaftliche Talente gibt (unter anderem Menschenkenntnis, Überreden, Betören, Etikette, und andere), aber diese nur äußerst selten zur Anwendung kommen. Ironischerweise später im Spiel wesentlich häufiger als anfangs.

Dafür sind die Charaktere in der Welt oft liebevoll gestaltet, haben ihren eigenen Charm. Und man trifft im Laufe des Spiels immer wieder so manchen alten Bekannten wieder. Was allerdings manchmal etwas gekünstelt wirkt, spätestens wenn man zum dritten mal in Folge denselben fahrenden Händler in der Nähe irgendeines Kaffs wiedertrifft. Immerhin entstehen so durchaus Beziehungen zu den Figuren, denn bis auf die Stadt Ferdok sind Gebiete, in denen die Hauptaufgabe erfüllt ist, nicht wieder zugänglich.


Licht und Schatten
Die Lichteffekte in Drakensang sind wirklich gelungen, tragen unheimlich zur Atmosphäre bei, sollen aber nicht Teil dieses Abschnitts sein.

Durch den Witcher wurde ein Aspekt von Rollenspielen in den Vordergrund geholt, der leider in den Jahren etwas verschütt gegangen wart: Wahlmöglichkeiten und Konsequenzen von Handlungen. Wie sieht es in Drakensang aus?

Das Spiel ist sehr linear, obschon es ein paar Wahlmöglichkeiten gibt. Im Streit zweier Handelshäuser muß der Spieler Partei ergreifen, ebenso im Konflikt zwischen Hexen und Inquisition. Aber dies sind begrenzte Konflikte, die - anders als beim Witcher - kaum Auswirkungen außerhalb der Aufträge haben. Ebenso gibt es immer eine eindeutig gute und eine eindeutig böse Seite - Grauzonen, wie sie den Witcher zu etwas Besonderem machten, sucht man leider vergebens.

Was man immerhin auch vergebens sucht ist eine Bugseuche, wie sie leider viele andere Veröffentlichungen der letzten Jahre heimgesucht hat. Drakensang ist nicht fehlerfrei, das keinesfalls (so mußte ich in einem Fall sogar ein Savegame per SQL-Editor reparieren), aber die Zahl an Bugs ist erfreulich gering. Ein paar Schriebfeler hier und dort, ab und an kann eine falsche Kombination von Handlungen zu Problemen führen (z.B. einem Questgeber einen Schlüssel aus dem Inventar klauen, die er später dem Spieler geben würde). Nichts ernstes.

Na ja, fast nichts. Formulieren wir es einmal so: Meinen Erfahrungen nach sollte man sich mit Stärkungszaubern etwas zurückhalten, da bei zu viel gleichzeitig aktiven das Spiel sich beim Speichern in die digitale Vergessenheit verabschieden kann.

Ansonsten bietet die Geschichte von Drakensang einige Wendungen. Tatsächlich gibt es nicht nur eine Geschichte, sondern zwei Handlungsstränge, die ineinander übergehen. Sehr schön gemacht und eingefügt sind auch Zwischensequenzen, die das Spiel weitererzählen: In manch anderen Spielen gibt es das Phänomen, daß der Spieler nur kämpft und sich von Sequenz zu Sequenz, von Dialog zu Dialog schlägt - nicht so in Drakensang! Es gibt Zwischensequenzen, durchaus auch kinoartige, aber im größten Teil des Spiels kann der Spieler auf das Geschehen Einfluß nehmen, wird nicht ständig zum Zuschauer oder Zuhörer verdammt.


(KK + KO) / 2 + Charaktermodifikator
Immerhin geht Drakensang in einigen Bereichen erfrischend neue bzw. alte Wege. So gibt es in Drakensang keine Inflation magischer Gegenstände, ebensowenig schwimmt man in Gold nach ein paar Stunden Abenteuer. Der nicht einstellbare Schwierigkeitsgrad ist sicherlich unschön (Drakensang wird für manche zu schwer, für andere zu leicht sein), aber immerhin ist die Entwicklung des Schwierigkeitsgrads logisch. Weder ist es anfangs extrem schwer, nimmt dann aber kontinuierlich ab und wird irgendwann zum Spaziergang, noch unterliegt die Entwicklung irrsinnigen Schwankungen von schwer zu einfach zu schwer,und erst recht paßt Drakensang nicht ständig das Spiel an den Spieler an und bestraft ihn für jedes neu erreichte Level. Seit langer Zeit ist Drakensang der erste Titel, der meiner Meinung nach wieder eine vernüntige Entwicklung der Schwierigkeit hat.

Zusammen mit der Atmosphäre ist dies sicherlich eine der Stärken von Drakensang. Oft reicht Drakensang nicht an Vorbilder heran, sei es bei den doch sehr blassen Begleitern, den Aufträgen, oder auch in Sachen Wahlmöglichkeiten für den Spieler. In der Spielmechanik aber patzt Drakensang als einer der wenigen Titel nicht (zumindest bisher nicht, siehe Vorbemerkung).

Wären bloß die Entwickler nicht auf die ganz dumme Idee gekommen, überall mit Abkürzungen um sich zu werfen. Die meisten Spielmechanikwerte sind irgendwie abgekürzt - während sie schon irgendwie Sinn machen, sind sich viele doch zu ähnlich. Beispielsweise gäbe es da AU, AE, AsP, AT, wobei AE und AsP identisch sind, dann noch ZfW und ZfP, ebenso KL und KK und KO. Und eine ganze Reihe weiterer. Ob das wirklich nötig gewesen wäre? An vielen Stellen ist schon erklärt, was wofür steht, aber dennoch erleichtert dies den Spieleinstieg nicht gerade.

Lohnt sich Drakensang? Es ist leider keine neue Rollenspieloffenbarung wie der Witcher, aber es ist auch kein schlechtes Spiel. Tatsächlich ist es sogar etwas über dem Durchschnitt - keine Legende, aber schon empfehlenswert. Wären da nicht die Patzer im Bereich Steuerung, Charaktererschaffung und Reaktionen der Welt auf den Charakter. Bezüglich des Charakters sind bereits Editoren von Fans in Arbeit, um dem Spieler mehr Freiheiten zu geben. Weiterhin hoffe ich, daß irgendwer auch den Begleitern gehörig mehr Leben einhauchen wird. Der Rest? Wegen der unausgegorenen Steuerung und dem Abkürzungswahnsinn kann ich derzeit Drakensang nur Genrefreunden ans Herz legen - aber das sind Sachen, die definitiv gepatcht werden können.

In dem Sinne:
Verkaufsversion: Für Genrefreunde (3 von 5)
Potential: Empfehlenswert (4 von 5)
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