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Gothic 2 - Review
Alte Engine neu aufgewärmt
Gothic 2 steht in einer langen Tradition von Spielen, welche dieselbe Engine wie ihr Vorgänger benutzen - und sich wohl auch irgendwie vorgenommen haben, dessen Geschichte fortzuführen. Da die Entwicklung neuer Engines viel Zeit (und damit Geld) verschlingt ist es schon verständlich, wenn man lieber auf Vorhandenes aufbaut und seine Zeit mehr in inhaltliche Aspekte richtet. Man nehme nur einmal Baldur's Gate 2: Wie hätte es ausgesehen, wenn noch groß Entwicklungszeit in eine neue Engine geflossen wären? Wir werden es nie erfahren.

Aber was ist mit Gothic 2? Zunächst einmal ist es spielerisch dem ersten Teil extrem ähnlich, weswegen an dieser Stelle nur kurze Erklärungen folgen: Man spielt einen vorgegebenen Helden aus der "über die Schulter"-Perspektive, Tastatursteuerung ist zu empfehlen (Maus diesmal aber ebenfalls möglich), die Engine ist ziemlich fehleranfällig, wodurch wiederum Patches zur Notwendigkeit wurden und entsprechend die Verkaufsversionswertung vermasselt wurde. NPCs gehen einem Tagesablauf nach, der sie lebendig erscheinen läßt, außerdem sind alle Dialoge vertont. Das Kampfsystem setzt sehr stark auf die Fingerfertigkeiten des Spielers und die Geschichte ... hier beginnt das Problem.

Der Anfang vom Ende
Folgendes ereignet sich in den ersten fünf Minuten in Gothic 2: Der Held hat es am Ende von Gothic 1 geschafft, die Gefängnisbarriere zu zerstören - wurde aber entgegen dessen Abspann verschüttet und nun von Xardas gerettet. Der dem Spieler erzählt, Drachen seien aufgetaucht und nun steht eine Drachenjagd an, mithilfe eines Amulettes, das der Spieler vorher abholen soll.

Hier werden schon zwei der drei zentralen Probleme offenkundig: Zuallererst gibt es diesmal keine abwechslungsreiche Geschichte, mit plötzlichen Wendungen, Offenbarungen, und so weiter wie noch im Vorgänger. Man bekommt direkt am Anfang 95% erzählt. Die restlichen 5% dann sind so vorhersagbar im Standard, daß sie keine Rolle spielen (z.B. natürlich wird das Amulett gestohlen). Die kleinen und großen Überraschungen, welche es im Vorgänger gab? Geschichte, und nicht mehr Teil der Geschichte. Von Einzigartigkeit direkt in den Standard abgeschlittert.

Was, und das ist das nicht sofort in den ersten fünf Minuten zu erkennen, sich leider auch auf die Welt überträgt. Die Barriere an sich war schon einzigartig, aber ebenso die Plätze und Städte darin. In Gothic 2 hingegen ist alles letztendlich auf "Standard" zurückgeschlittert - eine typische Kleinstadt, ein Bauernhof, ein Magierkloster. Mango, Granatapfel und Ananas wurden zu Bohne, Apfel und Kartoffel - kriegt man an jeder Ecke, alles schonmal gesehen und geschmeckt.

Ganz besonders, weil auch in eher zweitrangigen Qualitäten durch und durch nachgelassen wurde. Beispiele: 1. In Gothic 1 war die künstliche Intelligenz verhältnismäßig schlau, so flohen Leute vor deutlich übermächtigen Gegnern. In Gothic 2 greifen Bauern Dämonen mit rostigen Dolchen an. 2. In Gothic 1 waren die Gegner logisch plaziert, die Welt war sehr gefährlich, aber berechenbar - was, sobald man es einmal heraus hatte, die Überlebenschance deutlich erhöhte. In Gothic 2 sind Gegner nach dem Schrotflintensystem in die Landschaft gepappt worden, so finden sich z.B. Snapper (sehr gefährlicher und immer noch nicht übersetzte Raptoren) direkt neben dem Stadttor. 3. Hatte Gothic 1 noch eine Menge einzigartiger und verschachtelter Aufträge (siehe die im Review zu Teil 1 beschriebene "hole das Eierelixier"-Quest), so sind nahezu alle Aufträge in Teil 2 deutlich flacher und geradliniger ausgefallen. Sie haben schon oftmals mehrere Schritte, anders als im dritten Teil, allerdings sind jene Schritte weniger überraschend und wendungsreich. Sie sind nicht schlecht, aber eben auch nicht mehr hervorragend - sondern Standard. 4. Die Anzahl an Gegenständen ist deutlich zurückgegangen. Man läuft die meiste Zeit hindurch mit demselben Kram herum. Nehmen wir nur einmal die Rüstungen, wenn man als Magier durchspielt: Im Schnitt kam man in Teil 1 auf zehn Gewänder, in Teil 2 auf fünf (von denen sich eine Rüstung nicht einmal zu tragen lohnt, und zudem zwei direkt im ersten Kapitel einander anschließen). Heißt "mal eben" eine Halbierung des Inhalts.

Schließlich gibt es noch jenen anderen Aspekt, der direkt am Anfang offenkundig wird: Ein neuer Tag, und nichts hat sich geändert - zumindest spielerisch. Es fand kaum ein Fortschritt statt - besser gesagt wo kein Rückschritt stattgefunden hat, ist alles gleich geblieben. Der Anfang spielt sich quasi identisch. Held klatscht Blutfliegen und Scavenger in Teil 1, Held klatscht Blutfliegen und Scavenger in Teil 2. Hier wurde quasi ein Spielerlebnis genommen, und es in einen etwas anderen Kontext gesetzt. Dafür braucht es an sich kein neues Spiel, denn dafür hat man den (auch auf anderen Gebieten hervorragenden) Vorgänger.

Was am Ende bleibt
Gothic 2 ist kein schlechtes Spiel, keinefalls - das Problem an Gothic 2 ist, daß es in allen Bereichen eine Verschlechterung gegenüber des Vorgängers darstellt. Bis auf vielleicht die Grafik, die ein ganz kleines bißchen besser aussieht - und die Musik ist allererste Klasse. Jedoch der Funken Genialität, der ist irgendwie abhanden gekommen.

Letztendlich ist ein Spiel herausgekommen, welches durch seine gewöhnlichere Handlungsumgebung sicherlich mehr Leuten zugänglich ist, atmosphärische Orte und unterhaltsame Aufträge ebenso bietet wie eine 08/15-Geschichte. Wer nicht genug vom ersten Teil bekommen kann, auch nichts gegen einen lauwarmen Aufguß hat, der kann bedenkenlos zugreifen.

Alle anderen aber sollten lieber beim ersten Teil zugreifen. Gothic 2 ist nicht schlecht, aber auch ganz weit davon entfernt, legendär zu sein - es ist Standard, gute Genrekost. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Verkaufsversion: Budgetkandidat (2 von 5)
Potential: Für Genrefreunde (3 von 5)
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